Winsen Schachstrategen im Duell mit Großmeister Hort
Einen Schachleckerbissen der besonderen Art gönnten sich Jörg Winter und Berthold Mitzko vor einigen Tagen. Der ebenfalls im Schachbezirk 4 beheimatete SV Wesel richtete bereits zum vierten Mal ein Simultanturnier mit dem Großmeister Vlastimil Hort aus, der den meisten Schachfreunden durch seine Auftritte mit GM Dr. Helmut Pfleger im Kommentatorenteam in TV-Schachsendungen bestens bekannt sein dürfte.
Die beiden Winser Spieler hatten vor einigen Jahren bereits das Vergnügen, sich mit der Schach-Legende zu messen und wollten bei diesem erneuten Aufeinandertreffen ihre damaligen Niederlagen korrigieren... Ort des Geschehens war der Weseler Gasthof Heidelust. Es gab eine Überraschung von Seiten des Veranstalters: Die Hälfte der Teilnehmer durfte die weißen Steine führen, ein durchaus nicht übliches Entgegenkommen des sympathischen ehemaligen Weltklassespielers (normalerweise führt der Einzelspieler bei Simultanveranstaltungen immer die weißen Steine. Darüber hinaus haben viele seiner Großmeisterkollegen noch weitere Sonderwünsche: sie legen z. B. eine DWZ-Obergrenze für ihre Gegenspieler fest und möchten vom Veranstalter vorab die Information haben, wo die nominell stärksten Gegner sitzen).
Da wir sehr pünktlich angereist waren, bewahrheitete sich für uns der Spruch, dass rechtzeitiges Erscheinen die besten Plätze sichert. Einige Weiß-Bretter waren bereits durch Spieler des gastgebenden Vereins belegt, aber auch wir konnten noch drei der begehrten Stühle ergattern. Gespielt wurde an insgesamt 25 Brettern, die DWZ/ELO-Spanne ging dabei von 0 bis 2034 (zum Vergleich: Großmeister bewegen sich im Bereich 2400 bis 2800, gute Vereinsspieler schaffen 1400 bis 1900). Unter den Teilnehmern, befand sich auch der Wirt des Vereinslokals, was Vlastimil Hort zu der einleitenden Bemerkung veranlasste: „En Schachclub muss unbedingt habben drei Leite in Värein. Den Bürgermeistär, den Lährä und den Wirt. Sind die dabei, gäht es dem Verein gut.“ Vom Grundsatz sicherlich richtig, da müssen wir in unserem Verein wohl noch was tun...
An den Weißbrettern eröffnete Hort durchgehend mit 1.e4, sein erster Zug an den Schwarzbrettern lautete überall 1....g6. Ruhig durchwanderte er Runde um Runde den Spielsaal und gab hier und dort einen launigen Kommentar zum Besten. So war seine Reaktion auf Bertholds Damenbauernspiel: „Ah, sähr schön, bei uns in Oberhausen, nennt man das Räntnär-System!“. Nach dem Spiel nochmals darauf angesprochen, ergänzte er: „Vielleicht etwas harmlos, aber sehr solide und gute Wahl für Simultan.“ Na also, geht doch! Wie man vielleicht merkt, lief die ganze Veranstaltung in lockerer und entspannter Atmosphäre ab. Ein oder zwei Spieler streckten relativ schnell die Waffen, dann war der Wirt an der Reihe, obwohl er kurz zuvor noch verkündete, recht gut zu stehen. Einige wenige spielten bis zum bitteren Matt weiter bzw. gaben erst kurz davor auf.
Nachdem bereits an zwanzig Brettern die Entscheidung zu Gunsten des Großmeisters gefallen war, mussten nacheinander schließlich auch Jörg und Berthold dessen Überlegenheit anerkennen. In der vierundzwanzigsten Partie war es dann doch soweit. Immerhin einem Gegner gelang es, ein Remis zu erzielen. In einem absolut ausgeglichenen Turmendspiel bemerkte Hort: „Nun, zaubern kann ich auch nicht.“ und bot die Hand zum Friedensschluss. Es sollte der einzige „halbe“ Punktverlust bleiben, denn in der letzten noch laufenden Partie konnten die Umstehenden dann abschließend verfolgen, wie man einen minimalen Positionsvorteil konsequent zum Sieg verwertet.
Insgesamt war es ein interessanter, kurzweiliger Schachnachmittag mit einem gut aufgelegten Meister seines Fachs, der es wie immer verstand, sein Publikum zu unterhalten. Und wenn man sich vor Augen führt, dass er im Laufe seiner langen Karriere nicht weniger als 8 Weltmeistern im Wettkampf gegenübersaß, dann kann man die eigene Niederlage doch ruhigen Gewissens verschmerzen.
P.S.: Damit keiner nachschlagen muss: Die erwähnten 8 Schachweltmeister sind Tal, Botvinnik, Petrosian, Smyslov, Spassky, Fischer, Karpov und Kasparov...
Bericht: Berthold Mitzko

